7. Wissenschaftspreis der GRPG

 

Pressemeldung

Der 7. Wissenschaftspreis der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen (GRPG) wurde bei der Mitgliederversammlung der GRPG am 25. Januar 2003 in München an  Herrn Dr. Stephan Ruckdäschel für seine Promotion zum Thema "Wettbewerb und Solidarität im Gesundheitswesen – Zur Vereinbarkeit von wettbewerblicher Steuerung und solidarischer Sicherung" übergeben.

Der Wissenschaftspreis der GRPG ist mit 5.000 EUR dotiert und wurde von Lilly Deutschland gesponsert. Die GRPG hat sich die Förderung des interdisziplinären Austausches und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf den verschiedenen Gebieten des Gesundheits- und Sozialrechtes aber auch im Bereich der Gesundheits- und Sozialpolitik zum Ziel gesetzt.


Wettbewerb und Solidarität im Gesundheitswesen - Zusammenfassung

In der Diskussion um Reformen des deutschen Gesundheitswesen treffen wettbewerbliche Reformvorschläge regelmäßig auf das Argument, diese widersprächen dem solidarischen Charakter unseres Gesundheitssystems. Um die Frage nach der Vereinbarkeit von Wettbewerb und Solidarität zu beantworten, ist der Solidaritätsbegriff inhaltlich zu konkretisieren. Aus der Vielzahl existierender Definitionen resultiert die gegenseitige Hilfe im Notfall als kleinster gemeinsamer Nenner. Unter Verzicht auf normative Begründungen und Rückgriff auf empirische Fakten bedeutet Solidarität Schutz ökonomisch Schwacher Personen:

In marktwirtschaftlichen Systemen entscheidet die persönliche Leistungsfähigkeit über die individuell zur Verfügung stehenden Leistungen. Übertragen auf die Gesundheits- versorgung implizierte dies den Ausschluss der Personen vom Bezug medizinischer Leistungen, die nicht in der Lage sind, den entsprechenden Preis zu bezahlen. Angesichts der Unsicherheit darüber, ob oder wann eine die persönliche Leistungs- fähigkeit überfordernde Situation eintreten wird, liegt eine generelle Regelung im individuellen Interesse, welche bedürftigen Personen eine notwendige Versorgung sichert: Der einzelne geht die Verpflichtung zur Unterstützung hilfsbedürftiger Personen ein (Leistung) und vertraut darauf, falls nötig ebenfalls Hilfe zu erhalten (Gegenleistung). Gegenseitige Hilfe in Notlagen beruht auf Eigeninteresse und der Äquivalenz von Leistung und Gegenleistung. Selbst die Einbeziehung ethischer Aspekte ändert an dieser Erklärung nichts: das Befolgen der Gebote des christlichen Glaubens entspricht einer durch Eigeninteresse motivierten Leistung, die im Vertrauen auf die in der christlichen Lehre verankerte Gegenleistung (nach dem Tod) erfolgt. Solidarität in der Gesundheits- versorgung bedeutet, Personen finanziell zu unterstützen, deren Ressourcen sich als unzureichend zur Bewältigung des Krankheitsfolgen erweisen, d.h. Schutz ökonomisch Schwacher Personen.

Dieser Forderung tragen steuerfinanzierte Transfers Rechnung. Nun können zum einen Krankheitskosten erhebliche finanzielle Dimensionen erreichen. Zum anderen fördert das Wissen um die sichere Unterstützung im Notfall, verbunden mit der in großen Gruppen verloren gehenden sozialen Kontrolle, eine Trittbrettfahrer-Mentalität. Individuelle Vorsorgemaßnahmen werden im Vertrauen auf die Hilfe Dritter eingestellt. Dies führt zur Kündigung des "Gesellschaftsvertrages", welcher der Übereinkunft über den Schutz ökonomisch Schwacher zugrunde liegt. Deshalb ist die Einführung einer allgemeinen Versicherungspflicht unerläßlich, womit sich Solidarität dahingehend fokussiert, Personen finanziell zu unterstützen, welche den Versicherungsbeitrag entweder aufgrund geringen Einkommens oder wegen eines hohen Krankheitsrisikos nicht aus eigener Kraft aufbringen können.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Wettbewerb und Solidarität auf dem Eigen- interesse der Menschen und dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung beruhen. Dem wird in einem wettbewerblich organisiertem Gesundheitssystem durch eine allgemeine Versicherungspflicht und Transferzahlungen (Versicherungsgeld) Rechnung getragen. Die These der Unvereinbarkeit von Solidarität und Wettbewerb im Gesundheitswesen muß als falsifiziert abgelehnt werden.

 


Zur Person der Preisträger:

Dr. Stephan Ruckdäschel wurde am 20.02.1970 in Marktredwitz / Oberfranken geboren.
An der Universität Bayreuth studierte er Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Gesundheitsökonomie und schloss dort im August 2000 seine Promotion zum Thema "Wettbewerb und Solidarität im Gesundheitswesen – Zur Vereinbarkeit von wettbewerblicher Steuerung und solidarischer Sicherung" mit "magna cum laude" ab.
Derzeit obliegt ihm bei der Firma Pfizer GmbH Karlsruhe die Betreuung des Bereichs Versorgungsforschung und Kooperationen als Manager Disease- / Care Management.